Schmerzgedächtnis: Warum chronische Schmerzen bleiben, obwohl körperlich alles verheilt ist
Warum der Körper das Schmerzsignal nicht mehr abstellt, obwohl eigentlich alles schon verheilt ist, wie ein Schmerzgedächtnis entsteht und wie Craniosacrale Therapie den Teufelskreis unterbrechen kann.
Ein verheilter Bandscheibenvorfall. Ein unauffälliges MRT. Und trotzdem jeden Morgen derselbe Schmerz im Rücken. Für viele Menschen ist das die eigentliche Zumutung an chronischen Schmerzen: Die Fachleute bescheinigen, es sei alles in Ordnung – und trotzdem tut es immer noch weh. Die gute Nachricht vorweg: Der Schmerz ist keine Einbildung. Er ist real, sitzt allerdings nicht mehr dort, wo man ihn vermutet.
Warum bleiben meine Schmerzen, obwohl körperlich alles verheilt ist?
Schmerz entsteht nicht im Gewebe, sondern im Nervensystem. Eine Verletzung sendet zwar Signale, aber ob daraus ein Schmerz wird, entscheidet sich erst in Rückenmark und Gehirn. Was viele (noch) nicht wissen: Dieses System kann sich verändern. Bleibt ein Schmerzreiz über längere Zeit bestehen oder ist er sehr stark, „lernt” das Nervensystem den Schmerz regelrecht. Es entsteht das, was Fachleute ein Schmerzgedächtnis nennen.
Neulich kam ein Patient, Ende vierzig, zu mir in die Praxis mit folgendem Anliegen: Vor zwei Jahren habe er einen Bandscheibenvorfall gehabt, der inzwischen längst verheilt sei, die Bildgebung sei unauffällig. Trotzdem habe er täglich Schmerzen im unteren Rücken. Er schilderte, sich vorsichtiger zu bewegen, sich zu schonen, schlechter zu schlafen und deutlich gereizter zu sein als früher. Seine behandelnden Ärzte fänden nichts mehr. Angesichts dessen fand ich seine Ratlosigkeit sehr nachvollziehbar. Was dieser Patient erlebt hat, ist keine Einbildung und kein psychisches Problem im landläufigen Sinne. Sein Nervensystem hat einfach „gelernt”, Schmerz zu produzieren, auch ohne dass noch ein Gewebeschaden vorliegt.
Der Schmerz hat damit seine ursprüngliche Funktion verloren. Akuter Schmerz ist ein sinnvolles Warnsignal. Es schützt uns, indem es z. B. unsere Aufmerksamkeit auf Bereiche lenkt, an denen es akuten Handlungsbedarf gibt. „Gelernter” chronischer Schmerz, obwohl körperlich bereits alles verheilt ist, warnt dagegen vor nichts mehr. Er ist zu einem eigenständigen Muster geworden.
Wie entsteht ein Schmerzgedächtnis?
Ein Schmerzgedächtnis entsteht durch Wiederholung. Jede Nervenfaser hat eine bestimmte Reizschwelle, die überschritten werden muss, damit sie ein Signal weiterleitet. Wird Gewebe verletzt oder dauerhaft gereizt, schüttet der Körper eine Mischung aus Botenstoffen aus, darunter Prostaglandine, Bradykinin und Substanz P. Diese Stoffe bilden zusammen eine Art „entzündliche Suppe” und damit ein sensibilisierendes Milieu, das die Reizschwelle der Nervenfasern stark herabsetzt.
Die Folge davon ist, dass die Fasern immer leichter feuern. Reize, die vorher völlig harmlos waren, lösen nun Signale aus. Dieser übererregbare Zustand überflutet das zuständige Rückenmarksegment, das daraufhin selbst empfindlicher wird. Man spricht von einem sensibilisierten Segment, einem Bereich des Rückenmarks, der in ungewöhnlichem Maße reaktiv ist und immer mehr Impulse weitergibt.
Ab einem gewissen Punkt interpretiert dann das Nervensystem sogar ganz normale Empfindungen als Schmerz. Eine leichte Berührung, eine alltägliche Bewegung, ein bisschen Druck, all das kann dann weh tun. Fachleute nennen diese gesteigerte Schmerzempfindlichkeit Hyperalgesie. Wenn selbst harmlose Reize wie Kleidung auf der Haut schmerzen, spricht man von Allodynie. Der ursprüngliche Gewebeschaden ist längst behoben, doch das Nervensystem ist im Alarmzustand geblieben.
Besonders tückisch ist, dass ein solches sensibilisiertes Segment sich ausbreiten kann. Die Reizung kann nach oben und unten wandern, bis größere Bereiche des Nervensystems betroffen sind. Aus einem lokalen Problem wird so mit der Zeit ein diffuses, schwer greifbares Schmerzgeschehen.
Kann ein Schmerz im Rücken auch meine Organe betreffen, und umgekehrt?
Ja, denn Wirbelsäule und innere Organe sind über das Nervensystem enger verbunden, als man zunächst vermuten würde. Jeder Abschnitt des Rückenmarks versorgt nicht nur Muskeln und Gelenke, sondern über dieselben Segmente auch bestimmte innere Organe. Das erklärt ein Phänomen, das in der Praxis immer wieder auftaucht.
Ist ein Rückenabschnitt dauerhaft gereizt, kann sich diese Reizung auf die Organe übertragen, die vom selben Segment versorgt werden. Fachleute sprechen hier von einem somato-viszeralen Zusammenhang. So kann beispielsweise eine anhaltende Reizung im mittleren Brustwirbelbereich mit Magen- oder Verdauungsbeschwerden einhergehen. Umgekehrt kann auch ein gereiztes oder belastetes Organ über dieselben Nervenbahnen zu Verspannungen und Schmerzen im zugehörigen Rückenabschnitt führen, das nennt man einen viszero-somatischen Zusammenhang.
Diese Zusammenhänge bedeuten natürlich nicht, dass sich alle Organerkrankungen grundsätzlich über die Wirbelsäule behandeln ließen. Organische Beschwerden gehören immer ärztlich abgeklärt. Was das Wissen um diese Verbindungen aber erklärt, ist, warum chronische Schmerzmuster oft so vielschichtig sind und warum sie sich manchmal lösen, wenn die dauerhafte Reizung eines Segments nachlässt. Der Teufelskreis aus Reizung und Gegenreizung kann dann unterbrochen werden.
Wie kann Craniosacrale Therapie bei chronischen Schmerzen unterstützen?
Craniosacrale Therapie setzt genau an diesem Teufelskreis an. Ihr Ziel ist nicht, gegen den Schmerz anzukämpfen, sondern die dauerhafte Reizung zu verringern, die das Schmerzgedächtnis am Leben hält.
Über sanfte, eingestimmte Berührung nimmt sie Kontakt mit dem Körper und dem Nervensystem auf und lädt ein überreiztes System ein, seine Reizschwelle wieder anzuheben. Wenn die ständige Alarmbereitschaft nachlässt, bekommt das Nervensystem die Möglichkeit, den gelernten Schmerz nach und nach zu „verlernen”. Denn dieselbe Fähigkeit, die das Schmerzgedächtnis entstehen lässt – die Wandlungsfähigkeit des Nervensystems – ebnet auch den Weg zurück: So wie sich das System an den Schmerz gewöhnt hat, kann es sich auch wieder entwöhnen, wenn die zugrunde liegende Reizung nachlässt.
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Gerade bei chronischen Schmerzen ist dieser ruhige, nicht fordernde Zugang wertvoll. Er arbeitet nicht mit Druck oder Gegendruck (was das ganze System noch mehr reizen kann), sondern schafft einen Raum, in dem sich Anspannung lösen und das Nervensystem sich neu organisieren kann. Da chronischer Schmerz fast immer auch eine seelische Seite hat, z. B. wenn die ständige Belastung zermürbend wirkt, verbinde ich die körperliche Arbeit bei Bedarf mit psychotherapeutischen Interventionen.
Ein wichtiger Hinweis: Chronische Schmerzen müssen zunächst immer ärztlich abgeklärt werden, um behandelbare Ursachen nicht zu übersehen. Craniosacrale Therapie versteht sich hier nicht als Ersatz für eine medizinische Behandlung.
Ein kleiner Impuls für den Alltag: den Schmerz neu wahrnehmen
Menschen mit chronischen Schmerzen entwickeln oft eine verständliche Abwehrhaltung gegen den eigenen Körper, besonders gegen den schmerzenden Bereich. Dieser kann dann manchmal regelrecht zum Feind werden, den man am liebsten ausblenden würde. Die daraus resultierende Abwehrspannung kann den Schmerz aber verstärken. Freundliche, neugierige Aufmerksamkeit kann hier als sanfter Gegenimpuls dienen.
Nehmen Sie sich dafür ein paar ruhige Minuten. Setzen oder legen Sie sich bequem hin und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit nicht sofort auf den Schmerz, sondern zuerst auf einen Bereich Ihres Körpers, der sich neutral oder angenehm anfühlt, vielleicht die Hände, die Füße oder der Atem im Bauch. Verweilen Sie dort einen Moment und lassen Sie diese Empfindung von Sicherheit auf sich wirken. Nähern Sie sich erst dann, ganz vorsichtig, dem schmerzenden Bereich, nicht um etwas zu verändern und möglichst ohne Bewertung, sondern nur um wahrzunehmen. Wie fühlt sich der Bereich wirklich an? Verändert sich die Empfindung, wenn Sie ruhig weiter atmen?
Diese Übung heilt keinen Schmerz. Aber sie kann helfen, aus der ständigen Abwehr auszusteigen und dem Nervensystem zu signalisieren, dass gerade keine akute Gefahr besteht. Für viele Menschen ist das ein erster, kleiner Schritt heraus aus dem Daueralarm.
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Fazit
Chronische Schmerzen, auch wenn nachgewiesenermaßen bereits alles verheilt ist, sind kein Zeichen von Einbildung. Sie entstehen, wenn das Nervensystem lernt, Schmerz aufrechtzuerhalten, auch wenn der ursprüngliche Auslöser längst verheilt ist. Über sensibilisierte Nervenfasern, übererregbare Rückenmarkssegmente und ein regelrechtes Schmerzgedächtnis wird der Schmerz zu einem eigenständigen Muster, das sich sogar auf andere Körperbereiche und Organe auswirken kann. Die entscheidende und hoffnungsvolle Erkenntnis dabei ist: Ein Nervensystem, das Schmerz gelernt hat, kann ihn unter den richtigen Bedingungen auch wieder verlernen. Genau hier setzt Craniosacrale Therapie an, indem sie die Dauerreizung unterbricht und dem System hilft, zurück in einen ruhigeren Grundzustand zu finden.
Wenn Sie beim Lesen das Gefühl hatten, dass Ihr Schmerz genau diesem Muster folgt, dann lassen Sie uns gern gemeinsam hinschauen, was Ihrem Nervensystem helfen kann, wieder zur Ruhe zu finden. Ich freue mich auf das Gespräch mit Ihnen!
Häufige Fragen
Heißt chronischer Schmerz, dass ich mir die Schmerzen einbilde?
Nein, auf keinen Fall. Der Schmerz ist körperlich real, er entsteht durch messbare Veränderungen im Nervensystem. Der Unterschied zum akuten Schmerz ist nur, dass er nicht mehr auf einen aktuellen Gewebeschaden zurückgeht, sondern auf ein erlerntes Muster. Das macht ihn nicht weniger echt, aber grundsätzlich veränderbar.
Kann ein Schmerzgedächtnis wieder verschwinden?
Das Nervensystem ist wandlungsfähig. So wie es Schmerz erlernen kann, kann es ihn unter den richtigen Bedingungen auch wieder verlernen, besonders wenn die dauerhafte Reizung nachlässt. Wie gut und wie schnell das gelingt, ist individuell verschieden und hängt unter anderem davon ab, wie lange der Schmerz bereits besteht.
Warum reicht es oft nicht, nur die schmerzende Stelle zu behandeln?
Weil der Schmerz sich vom ursprünglichen Ort gelöst haben kann. Wenn ein sensibilisiertes Segment im Rückenmark beteiligt ist oder sich die Reizung ausgebreitet hat, sitzt das eigentliche Geschehen im Nervensystem, nicht mehr allein im Gewebe. Deshalb ist ein Ansatz sinnvoll, der das Nervensystem als Ganzes einbezieht.