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Nervensystem 8 Min. Lesezeit

Craniosacrale Therapie und das Nervensystem: Wie kann sanfte Berührung tiefgehend unterstützen?

Wie Erschöpfung, Schmerzen und innere Unruhe mit dem Zustand des Nervensystems zusammenhängen und wie Craniosacrale Therapie dort neurobiologisch ansetzt.

Sie schlafen seit Wochen schlecht. Nicht weil Sie nicht müde wären – im Gegenteil, Sie sind richtiggehend erschöpft. Aber sobald Sie sich hinlegen, läuft der innere Motor weiter. Tagsüber funktionieren Sie meist noch mehr oder weniger gut, aber weder finden Sie mittags in ein regenerierendes Nickerchen, noch kommen Sie nachts ausreichend zur Ruhe. Auch im Urlaub dauert es Tage, bis Sie sich überhaupt etwas entspannen können, wenn überhaupt.

Wenn Sie mir dies in meiner Praxis so schildern würden – und das tun seit Jahren viele meiner Patienten – würde ich sagen: Damit sind Sie nicht allein. Und: Es liegt am Zustand Ihres Nervensystems bzw. daran, dass es vergessen hat, wie sich ein entspannter und sicherer Grundzustand anfühlt.

Was hat der Zustand meines Nervensystems mit meinen Beschwerden zu tun?

Viele Menschen, die in meine Praxis kommen, haben vorher bereits einiges versucht: Sie waren bei einem oder mehreren Ärzten, vielleicht auch schon bei anderen Heilpraktiker-Kollegen, haben Physiotherapie, Massagen, Meditation, vielleicht auch Urlaub oder eine Auszeit ausprobiert. Doch die Beschwerden sind hartnäckig oder kehren manchmal nach kurzer Zeit wieder zurück. Erschöpfung, Schmerzen, Schlafstörungen, innere Unruhe und Nervosität, ein ständiges Auf-der-Hut-Sein. Der Grund liegt nicht darin, dass die Behandlungen nicht grundsätzlich hilfreich wären, sondern darin, dass ein entscheidender Aspekt noch nicht (ausreichend) berücksichtigt wurde: das Nervensystem.

Das Nervensystem ist nicht nur für Bewegung und Wahrnehmung zuständig. Vielmehr ist es die übergeordnete Schaltzentrale des gesamten Organismus. Es reguliert nicht nur Schlaf und Wachheit, Schmerzempfinden, Immunreaktionen und Hormonausschüttung, sondern auch unsere emotionalen Zustände: Körperliches und seelisches Wohlbefinden sind über das Nervensystem untrennbar miteinander verbunden.

Wie weitreichend und komplex diese Schaltzentrale wirkt, zeigt sich auch bei chronischen Schmerzen: Schmerz kann sich im Nervensystem verselbstständigen und weiter bestehen, auch wenn der ursprüngliche Gewebeschaden längst abgeklungen ist. Die Neurobiologie nennt diesen Prozess Fazilitierung. Er erklärt, warum lokale Behandlungen allein oft nicht reichen.

Wenn das Nervensystem durch chronischen Stress, körperliche Schmerzen, emotionale Erschöpfung oder zurückliegende Schockerlebnisse dauerhaft belastet ist, verliert es irgendwann die Fähigkeit, selbstständig wieder ins Gleichgewicht zu finden. In der Medizin spricht man dann von maladaptiven Zuständen: Der Körper steckt weiterhin im „Überlebensmodus“ fest, obwohl die reale Bedrohung längst vorbei ist. Im Ergebnis haben wir es mit Beschwerden zu tun, die sich hartnäckig halten und auf rein lokale Maßnahmen kaum ansprechen, weil die Ursache tiefer liegt als ein einzelnes Symptom es anzeigt.

Warum schaltet mein Körper nicht ab, obwohl ich erschöpft bin?

Eine Patientin, Anfang vierzig, Mutter zweier Kinder, beruflich erfolgreich in ihrem Job, kommt mit diesem Satz in die Praxis:

„Ich bin den ganzen Tag erschöpft und freue mich aufs Schlafengehen, aber nachts finde ich dann keine Ruhe. Innerlich fühle ich mich traurig und leer, nach außen hin merkt das aber keiner. Warum kann ich mich nicht mehr entspannen, wenn ich doch so gut ausgelastet bin und nachts eigentlich wie ein Stein schlafen müsste? Was ist nur mit mir los?“

Was viele nicht wissen: Erschöpfung und Anspannung schließen sich nicht aus. Sie können gleichzeitig existieren, und das hat einen neurobiologischen Grund.

Das autonome Nervensystem kennt im Wesentlichen zwei Reaktionsmuster auf länger anhaltende Belastung. Bei einem Hyperzustand ist das sympathische Nervensystem dauerhaft überaktiviert: Schlafstörungen, innere Unruhe, Reizbarkeit, das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können. Beim Gegenteil, dem Hypozustand, fällt das System in eine Art Schockstarre, was sich beispielsweise in Antriebslosigkeit, chronischer Müdigkeit sowie emotionaler Leere und Abgestumpftheit zeigen kann. Beide Zustände sind Ausdruck desselben Problems: Das System hat die Fähigkeit verloren, sich selbst zu regulieren.

Der Neurowissenschaftler Stephen Porges beschreibt in seiner Polyvagal-Theorie, welch zentrale Rolle der Nervus vagus dabei spielt: Zunächst nutzt das System soziale Verbindung und Kommunikation als Regulationsstrategie; wenn das nicht mehr ausreicht, schaltet das System in den nächsten Gang, nämlich in den Modus „Kampf oder Flucht“, und schließlich auf Erstarrung und Rückzug.

👉 Der Vagusnerv und seine Rolle bei Stress und Regulation →

Craniosacrale Therapie setzt genau an dieser Hierarchie der verschiedenen Regulationsstrategien an – und zwar nicht durch Anweisung oder kognitive Umstrukturierung, sondern durch direkten körperlichen Kontakt, mit dem Ziel, das Nervensystem und die Strukturen, mit denen es eng verbunden ist (Knochen, Membran- und Liquorsystem), direkt anzusprechen.

Wie wirkt Craniosacrale Therapie direkt auf das Nervensystem?

Das zentrale Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark, ist von Häuten und Flüssigkeit (genannt Liquor oder auch Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit) umgeben, dem sogenannten craniosacralen System. Nach dem Erfahrungswissen der Craniosacralen Therapie zeigen diese Strukturen eine eigenständige, rhythmische Bewegung, die unabhängig von Herzschlag und Atemrhythmus existiert und sich auf den gesamten Körper überträgt.

Als Craniosacral-Therapeutin nehme ich über sanfte, häufig länger verweilende Berührungen Kontakt mit diesen Strukturen auf. Dies geschieht nicht durch Druck oder gar Manipulation, sondern durch ein feines Eingestimmtsein auf die Bewegungen des Gewebes. Was dabei passiert, lässt sich neurobiologisch beschreiben: Das Nervensystem erhält ein Signal von „Verstandenwerden“ und damit von Sicherheit, nicht auf gedanklicher Ebene, sondern als körperliche Information.

Ein besonders wirksames therapeutisches Mittel sind dabei sogenannte Stillpoints, also Momente, in denen der craniosacrale Rhythmus kurz innehält. Diese Pausen sind keine Störungen. Im Gegenteil: Es sind willkommene Einladungen, die das System nutzt, um sich zu reorganisieren, Spannungsmuster loszulassen und neue Regulation zu integrieren. Bei Hyperzuständen sind Stillpoints besonders wertvoll: Sie unterstützen das System dabei, sich an seine eigenen Ressourcen zu erinnern und aus dem „Kampf- oder Flucht-Modus“ wieder herauszufinden. Viele Patientinnen und Patienten beschreiben demnach im Anschluss an die Behandlungen ein tiefes Gefühl von Verstandenworden-Sein und Entspannung.

Gleichzeitig beeinflusst Craniosacrale Therapie die sogenannte HPA-Achse, die Verbindung zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde, die unsere Stressreaktion steuert und die deshalb landläufig auch oft als „Stressachse“ bezeichnet wird. Eine chronisch überaktive Stressachse produziert dauerhaft erhöhte Cortisol- und Noradrenalinspiegel, die ihrerseits das Nervensystem weiter aufschaukeln. Indem Craniosacrale Therapie das Gesamtsystem in einen Zustand tiefer Entspannung einlädt, kann diese Aufwärtsspirale unterbrochen werden – und zwar nicht durch Eingriff von außen, sondern weil der Körper wieder Zugang zu seinen eigenen Regulationsfähigkeiten findet.

Wann ist Craniosacrale Therapie sinnvoll und wann braucht es mehr?

Trotzdem ist Craniosacrale Therapie natürlich kein Allheilmittel.

Bei Menschen mit chronischer Erschöpfung, körperlichen Schmerzen ohne klaren orthopädischen Befund, Schlafstörungen, Spannungskopfschmerzen oder psychosomatischen Beschwerden kann sie unterstützend wirken, und erste spürbare Veränderungen zeigen sich bei manchen Patientinnen und Patienten bereits nach wenigen Sitzungen. Das Nervensystem antwortet dann auf die Einladung zur Regulation, wenn es die Erfahrung von Sicherheit machen darf.

Anders sieht es bei tiefer liegenden Traumatisierungen, depressiven Zuständen oder schweren Erschöpfungszuständen wie dem „Burn-out“ aus. Wenn das Nervensystem in solch einem schweren Hypozustand feststeckt, reicht die körperliche Arbeit allein oft nicht aus. Dann braucht es zusätzlich einen Raum, in dem die Patientin oder der Patient die Möglichkeit hat, das Erlebte in Worte zu fassen, es einzuordnen und in der therapeutischen Beziehung zu verarbeiten. In meiner Praxis verbinde ich je nach den Wünschen und dem Bedarf meines Patienten deshalb Craniosacrale Therapie mit der Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers.

Fazit

Viele hartnäckige Beschwerden lassen sich nicht allein am Ort des Symptoms erklären. Erschöpfung, Schmerzen, Schlafstörungen und innere Unruhe hängen oft damit zusammen, dass das Nervensystem in einem dauerhaften Alarm- oder Erschöpfungszustand feststeckt und die Fähigkeit verloren hat, sich selbst zu regulieren. Genau hier setzt Craniosacrale Therapie an: Sie versucht nicht, ein Symptom zu bekämpfen, sondern lädt das Nervensystem ein, sich an seinen eigenen, sicheren Grundzustand zu erinnern. Bei tiefer liegenden Belastungen kann die Verbindung mit Gesprächspsychotherapie diesen Weg zusätzlich unterstützen. Der erste Schritt ist selten, mehr zu tun, sondern zu verstehen, was im eigenen Körper eigentlich geschieht.

Wenn Sie beim Lesen das Gefühl hatten, dass das beschriebene Muster auch auf Sie zutrifft, dann lade ich Sie ein, gemeinsam hinzuschauen. Ich freue mich auf das Gespräch mit Ihnen.

Häufige Fragen

Spürt man während der Behandlung etwas?

Das ist zwar recht individuell, jedoch schildern viele meiner Patientinnen und Patienten Empfindungen wie ausgeprägte lokale Wärme, Kribbeln, das Gefühl, als ob der innere Raum weiter wird oder als ob ein tiefes Loslassen geschieht. Andere bemerken während der Sitzung wenig und spüren die Wirkung erst danach, in Form von tiefem Schlaf, mehr Ruhe oder einer veränderten Körperwahrnehmung. Manche Patientinnen und Patienten berichten in den ersten Tagen nach der Behandlung von vorübergehender Müdigkeit oder einem Gefühl wie leichtem Muskelkater: Das kann ein Zeichen sein, dass der Körper beginnt, sich zu reorganisieren.

Wie viele Sitzungen sind nötig, bis sich etwas verändert?

Erste Veränderungen zeigen sich häufig bereits nach zwei bis drei Sitzungen, als veränderte Schlafqualität, besseres Körpergefühl oder spürbar ruhigere Grundspannung. Je nach Beschwerdebild kann sich auch eine Schmerzreduktion zeigen. Für eine nachhaltige Regulation, besonders bei chronischen Beschwerden, hat sich ein Zyklus von drei bis fünf Sitzungen innerhalb von sechs bis zehn Wochen bewährt. Dieser Zyklus kann danach je nach den Wünschen und dem Bedarf des Patienten weitergeführt werden, meist genügen danach dann aber deutlich verlängerte Behandlungsintervalle.

Ist Craniosacrale Therapie auch bei psychischen Belastungen sinnvoll?

Ja, gerade weil das Nervensystem Körper und Psyche verbindet, kann die Craniosacrale Therapie nicht nur auf der körperlichen Ebene unterstützen. Viele Patientinnen und Patienten berichten, dass sich nach Behandlungen nicht nur körperliche Beschwerden lösen, sondern auch emotionale Belastungen als leichter empfunden werden. Bei ausgeprägten psychischen Belastungen oder Traumatisierungen empfehle ich die Kombination mit Gesprächspsychotherapie. Psychotische Erkrankungen gehören aber in die Hände psychiatrisch ausgebildeter Spezialisten, ich darf diese als Heilpraktikerin nicht behandeln.

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